Wachs als Lichtarchiv

Text von von Petra Hugenschmid , 2026
zur Ausstellung in der Galerie Kersten, Brunnthal und München

Ulla Ströhmann arbeitet an der Schnittstelle von Malerei, Skulptur und Materialforschung. Die Kölner Künstlerin verbindet die jahrtausendealte Technik der Enkaustik mit der Formensprache der Moderne zu einem Werk, das in der zeitgenössischen Kunst unverwechselbar ist.

Den strukturellen Ausgangspunkt ihrer Werke bildet eine geometrische Ordnung: Rechtecke und Quadrate, Horizontalen und Vertikalen gliedern die Bildfläche in klar voneinander abgegrenzte Felder. Diese konstruktive Grundstruktur ist jedoch kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für das eigentliche Kernthema des Werkes: Farbe und Licht. Transparentes Bienenwachs lässt Licht in die Tiefe der Farbschichten eindringen und wieder zurückstrahlen. Die Integration von Blattmetallen aus Silber, Messing und Kupfer in die Wachsschichten erschließt der Enkaustik eine zusätzliche, dezidiert moderne Dimension: Das Organische des Wachses und das Metallische der eingelegten Folien treten in ein Spannungsverhältnis, das beide Materialien in ihrer jeweiligen Eigenart erst voll sichtbar macht. Während die scharfen Kanten des Metalls Präzision und intellektuelle Schärfe verkörpern, berühren Farbe, Duft und die haptische Qualität des Wachses eine ganz andere Ebene der Wahrnehmung – sie sprechen Gefühle und Stimmungen an, die sich dem rationalen Zugriff entziehen.

Auf den ersten Blick dominieren Klarheit, Farbe und kompositorische Strenge. Erst aus der Nähe wird die körperhafte Ausstrahlung des organischen Materials Wachs vollständig wahrnehmbar – und damit auch die skulpturale Logik, die hinter jedem dieser Werke steht. Ströhmanns künstlerischer Hintergrund liegt in der plastischen Gestaltung – und das ist ihren Tafeln anzusehen. Es handelt sich nicht um Bilder im traditionellen Sinne, sondern um Objekte: Das Wachs wird in zahlreichen Lagen aufgetragen, geschnitten, geglättet und mit Blattmetallen durchsetzt; abgerundete Kanten und das über die Ränder greifende Material machen die Tafeln zu raumgreifenden Körpern. Dieses räumliche Denken bestimmt das Werk unabhängig vom Format – Ströhmann bewegt sich gleichermaßen souverän in großen, wandbeherrschenden Formaten wie auch in kleinen, auf Nähe angelegten Arbeiten, die den genauen Blick einfordern und im direkten Kontakt ihre ganze materielle Komplexität entfalten.

Farbe fungiert bei Ströhmann nicht als Darstellungsmittel, sondern tritt autonom auf, ohne jeden Bezug zur Gegenständlichkeit. Ihre Wirkung verschiebt sich je nach Lichteinfall, Betrachtungswinkel und Tageszeit. In neueren Arbeiten verstärkt die Künstlerin diesen Effekt durch hauchdünne Schichten aus Mineralfarbe, die sich als changierender Schleier über die Bildkörper legen und ein Sfumato erzeugen, in dem Licht träge durch metallische Strukturen zu fließen scheint.

In Ulla Ströhmanns Werk findet die uralte Fähigkeit der Enkaustik, Licht in Materie zu bannen, ihre konsequenteste zeitgenössische Antwort.

Die Technik der Enkaustik

Die Enkaustik zählt zu den ältesten Maltechniken der Welt. Ihr Name leitet sich vom griechischen Wort enkauston ab und bedeutet „eingebrannt“ – ein Hinweis auf den entscheidenden Schritt des Verfahrens: Bienenwachs wird erhitzt, mit mineralischen Farbpigmenten versetzt und in warmem Zustand auf den Bildträger aufgetragen, wo es beim Erkalten sofort bindet und eine außergewöhnlich beständige Schicht bildet. 

Ihre Ursprünge liegen im 5. Jahrhundert vor Christus in Griechenland, wo die Technik vor allem für Porträts und Tafelbilder eingesetzt wurde. Die bekanntesten antiken Enkaustikbilder stellen die Mumienporträts der Fayum-Oase in Ägypten dar, die im 1. und 2. Jahrhundert nach Christus entstanden sind und bis heute durch ihre frappierende Frische und Farbkraft beeindrucken. Mit dem Untergang des römischen Reichs geriet das Verfahren jahrhundertelang in Vergessenheit, bis die Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum im 18. Jahrhundert es wieder ins Bewusstsein rückten. Ihre eigentliche Renaissance erlebte die Enkaustik jedoch im 20. Jahrhundert durch Künstler wie Jasper Johns, der mit seinen „Flag Paintings“ in den 1950er Jahren die Möglichkeiten der Wachsmalerei neu definierte.

Ulla Ströhmann hat sich diese Technik über Jahrzehnte angeeignet, perfektioniert und zu einem hochdifferenzierten Verfahren entwickelt. Sie trägt das eingefärbte Bienenwachs in mehreren Schichten auf, glättet die Oberflächen mit scharfem Stahl und integriert Blattmetalle sowohl unter als auch über den Wachslagen. Dabei bleibt das Wachs nicht bloßes Bindemittel, sondern ist selbst das Medium: halbtransparent, körperhaft, von einem unverwechselbaren, honigartigen Duft begleitet – und von einer Beständigkeit, die Kunstharzen und modernen Polymeren weit überlegen ist.

Petra Hugenschmid , Brunnthal und München, 2026