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Equilibrium

Text von Dr. Susanna Ott, 2010
anlässlich Ausstellung Gallery Lau, München

Die Kölner Künstlerin Ulla Ströhmann verbindet die antike Wachsmaltechnik der Enkaustik mit der minimalistischen Formensprache der Moderne. Seit Anfang der 90er Jahre entwickelt Ströhmann eine eigenständige Ästhetik, die auf der ausgeglichenen Balance innerbildlicher Gegensätze beruht. Auf der Grundlage geometrischer Raster verbindet die Künstlerin Bereiche, in die Blattmetalle aus Silber, Aluminium, Kupfer oder Gold eingearbeitet sind mit monochromen Farbfeldern, in denen die Pigmente, einmal zart lasierend, einmal üppig angereichert unterschiedlich intensive Farbschichten bilden. Das in mehreren Lagen aufgetragene, transparente Bienenwachs reflektiert das Licht von der untersten Malschicht her und verleiht der Farbe eine besondere Strahlkraft und Tiefenwirkung.

Ulla Ströhmanns Bildobjekte repräsentieren das Gleichgewicht scheinbar widersprüchlicher Kräfte: Die strenge Komposition und die Kühle der reflektierenden Metalle stehen in einem spannungsreichen Kontrast zu der lebendigen Intensität der Farbflächen. Während das zugrunde liegende geometrische Ordnungsprinzip Ruhe und Ausgeglichenheit vermittelt, wirken die belebten Farbflächen und die intensive Leuchtkraft der reinen Pigmente anregend auf den Betrachter. Mit seiner luziden Tiefenwirkung zieht das natürliche Bienenwachs das Auge in die Tiefe der Bildfläche, während die reflektierende Kühle der Metallflächen den Blick auf der von den Unebenheiten des Wachsmaterials geprägten Oberfläche hält. Konstruktion und Emotion, intellektuelle Kühle und sinnliche Wärme sind in spannungsvoller Harmonie vereinigt.

In ihrer formalen Reduktion auf geometrische Grundstrukturen mit klar gegeneinander abgegrenzten monochromen Farbfeldern erinnern Ulla Ströhmanns Bildobjekte an Prinzipien der Hard Edge Malerei der 60er Jahre. Der poetische Ausdruck der fließenden Pigmente und die sinnliche Materialität des Wachses rücken die Arbeiten jedoch noch vielmehr in die Nähe der lyrischen Abstraktion, die die Präzision der Farbfeldmalerei mit der subjektiven Emotionalität des Abstrakten Expressionismus verbindet und den Betrachter zu meditativer Versenkung einlädt.

Die Ursprünge der Enkaustik liegen im 5. Jahrhundert vor Christus in Griechenland. Mineralische Farbpigmente wurden in flüssiges Bienenwachs eingerührt und dann in mehreren Schichten mittels heißer Eisen auf den Bildträger aufgetragen. Zunächst vor allem für Porträts und Wandmalereien verwendet, erreichte die Wachsmalerei einen Höhepunkt mit den Totenmasken im ägyptischen Fayum im 1. und 2. Jahrhundert nach Christus. Die Technik geriet mit dem Niedergang des römischen Reiches in Vergessenheit und wurde erst im 18. Jahrhundert durch die Entdeckung der Wandmalereien in Pompeji und Herculaneum wieder belebt. Ihre eigentliche Renaissance liegt jedoch im 20. Jahrhundert. Künstler wie Pablo Picasso, James Ensor oder Robert Rauschenberg schätzten die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Wachstechnik. Neben den mexikanischen Muarlisten um Diego Rivera verhalf vor allem Jasper Johns der Enkaustik mit seinen „Flag Paintings“ Mitte der 50er Jahre an der Schwelle von Expressionismus und Pop Art zu neuer Aufmerksamkeit.

Dr. Susanna Ott, München , 2010

 

 
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